In einem Jahr von 0 auf 100

Erfahrungsbericht der Segelflugausbidung von Jonas Pitschen

Am 20. Oktober 2011 trafen sich 14 «Lehrlinge» zum ersten Theorieabend auf dem Flugplatz Hausen. Als frischgebackener 15-Jähriger – ich habe am 18. Oktober Geburtstag – begann so meine segelfliegerische Ausbildung. Ich spekulierte bereits dann, dass der 20. Oktober 2012 theoretisch der erstmögliche Prüfungstermin wäre. Von nun an hiess es ein halbes Jahr lang, jeden Donnerstagabend nach der Schule mit dem Zug von Luzern nach Mettmenstetten und mit dem «Taxiservice» weiter auf den Flugplatz Hausen fahren. Wir waren eine tolle und motivierte Gruppe. Je länger der Kurs dauerte, desto mehr erwartete ich sehnlichst den Saisonstart.

Privatunterricht

Am 24. März war es dann endlich soweit. Chrigi Gfeller holte mich am Morgen am Bahnhof Muri ab. Ich war der einzige Schüler und kam so gleich zu «Privatunterricht». Und so machte ich bereits beim dritten Flug den Start und beim vierten die Landung fast selbständig. Die grösste Mühe bereitete mir die Koordination von Seitenund Querruder am Boden. Am Tag darauf vergass Dani Stahl vorerst, auf Sommerzeit umzustellen. Dennoch kam ich gleich nochmals in den Genuss von Privatunterricht im Duo. Da es ein thermisch guter Tag war, meinte Dani, ich solle doch gleich die Thermikeinweisung fliegen. So könne er auf dem hinteren Sitz ein wenig schlafen. «Wecksch mi denn, wenn mer dobe sind», lautete mein Flugauftrag. So flogen wir fast eineinhalb Stunden, in denen ich Höhe machte und Dani sie wieder vernichtete. Ich konnte also schon am zweiten Tag einen Bedingungsflug erfüllen. Fazit: 2 Tage, 10 Flüge – besser hätte die Saison nicht beginnen können! Eine Woche später ging es dank einer spontanen Einladung von Peter Wehrli nach Deutschland auf den Flugplatz Hütten-Hotzenwald, wo die alljährliche Windenwoche stattfand. Ich konnte meine ersten fünf Windenstarts machen.  Wahrscheinlich ist dies das gleiche Gefühl, wie in einem Formel-1-Boliden zu beschleunigen: Einfach fantastisch!

Theorieprüfung

Nun kam das schlechte Wetter, niemand dachte mehr ans Fliegen. Der perfekte Zeitpunkt, sich auf die theoretische Prüfung vorzubereiten, denn allmählich waren wir mit dem Stoff der acht Fächer durch. Am 17. April 2012 kam der Experte zu uns, und wir schrieben die Prüfung. Es sollte für viele nicht die einzige bleiben – auch für mich nicht… Ich bestand zwei Fächer nicht und durfte somit noch einmal antreten. Inzwischen wurde wieder geflogen. Da es in Buttwil wegen des vielen Regens nicht mehr fliegbar war, wichen wir nach Hausen aus. Es war eine sehr gute Erfahrung, auf einem fremden Flugplatz zu fliegen. Zurück in Buttwil folgten dann Bedingungsflüge wie Seilrissübungen, Flug mit abgedeckten Instrumenten, Abkippübungen oder Vrillen ausleiten. Ich nahm noch freiwillig das Glissadentraining dazu.

Erster Alleinflug

Nachdem mir der Fliegerarzt das Flugtüchtigkeitszeugnis ausgestellt hatte, war es soweit: Am 9. Juni machte ich meine ersten drei Alleinflüge – ein unvergessliches Erlebnis! Bald folgte die Umschulung auf die ASK-23 und ich flog das allererste Mal Einsitzer.

Am 23. Juni nahm ich den zweiten Anlauf für die theoretische Prüfung und es klappte alles problemlos. Die Theorie war also bestanden. Der einzige Wermutstropfen: Es war wohl einer der thermisch besten Tage des ganzen Jahres... Nun wurde der Zweistünder zum Thema. Doch wenn ich auf dem Platz war, hatte es irgendwie nie Thermik. Zudem kam eine Phase, in der ich das Ziellandefeld nicht mehr traf. Nach einem Flug mit Adrian von Orelli und ein paar Tipps funktionierte dies aber wieder. Während dem Flug schüttelte es sogar ab und zu. Anzeichen von Thermik? Tatsächlich! Ich schnappte mir die ASK-23 und probierte den Zweistünder. Es hatte eine schöne Wolke – leider die einzige – unter der ich steigen konnte. Doch nach eineinhalb Stunden verschwand sie plötzlich, das Steigen wandelte sich in Sinken und nach 1 ¾ Stunden war ich wieder am Boden. Der aufkommende Westwind hatte mir einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Jonas Solo

Saanenlager

Dann kam das Saanenlager. Ich durfte zwar nicht alleine fliegen, konnte aber als Passagier weitere 20 Stunden Erfahrung im alpinen Gelände sammeln. Ich wollte schon länger mit Dani Stahl einen Flug ab Saanen machen. Er meinte, wir könnten doch gleich den Überland-Bedingungsflug absolvieren – ein sehr cleverer Schachzug, wie sich später herausstellte. Wir wählten den perfekten Tag und waren die ersten, die starteten. Ich durfte ein wenig basteln, bis wir die Höhe für ins Wallis hatten. Es war mein erster Flug in dieser Region. Dem Gelände entlang kamen wir immer höher und flogen nach Osten, Richtung Lötschental. Nach längerem Kampf kamen wir schliesslich auf 4000m und überflogen die Lötschenlücke. Über dem Konkordiaplatz suchten wir die Welle, von der am Funk erzählt wurde. Da Dani aber laut seiner Einschätzung kein Wellenflieger ist, und ich auch noch nicht, fanden wir sie nicht. Wir flogen zurück über die Lötschenlücke und bolzten mit 170km/h Richtung Saanen, wo wir nach drei Stunden landeten. Es war das absolute Saison- Highlight für mich, vielen Dank, Dani!

Saanen

Später Zweistünder

Nach Saanen probierte ich wieder den Zweistünder der, schrieb aber stets das gleiche in mein Flugbuch: Schöne Landungen, aber keine Thermik. Es war bereits September. Immer mehr «Experten» sagten, dass ich den Zweistünder vergessen könne und somit halt die Prüfung auf nächsten Frühling verschieben müsse. Am 9. September fand das Aussenlandefest statt und es war eine eindrucksvolle Erfahrung, in einer Wiese zu landen. Dann kam der 15. September. Ich schaute mir die Temperaturverteilung auf den verschiedenen Höhen an und war nicht besonders optimistisch, denn auf 4000m war es fast gleich warm, wie auf 2000m. Nach dem Briefing war meine Zuversicht aber plötzlich riesig, denn auf 2500m lag eine gewaltige Inversion und darunter war der Temperaturgradient vielversprechend. Und tatsächlich: Es bildeten sich Cumuli! Da die ersten Piloten nach einer halben Stunde noch nicht am Boden waren, probierte ich es auch. Es ging tatsächlich. Die Steigwerte waren nicht extrem gut, aber immerhin vorhanden. Ich sah einen grossen schwarzen Sack am Westufer des Hallwilersees und probierte es dort. Diese Entscheidung wurde mir beinahe zum Verhängnis... Ich fand den Aufwind nicht richtig und der Flugplatz verschwand auf der anderen Seite des Lindenbergs. Ich dachte an das Aussenlandefest und begann, schon ein wenig die Felder anzuschauen. Zur gleichen Zeit sah ich aber auch Vögel kreisen, die, im Gegensatz zu mir, stiegen. Also flog ich zu ihnen und siehe da: Der Schlauch war neben der Wolke. Ich musste ihn eng nehmen, aber es stieg. Der Rest ging dann von alleine, es war geschafft! Alle Bedingungen bis auf die Prüfungsvorbereitungsflüge waren erfüllt. So viel zum Thema, die Saison sei gelaufen...

Wechselbad der Gefühle

Der 20. Oktober 2012 wurde provisorisch als Prüfungstermin festgelegt. Es folgte aber wieder eine Schlechtwetterphase: Entweder regnete es, oder der Nebel wurde zum Spielverderber. Als das letzte Wochenende vor dem 20. Oktober auch nicht fliegbar war, hatte ich mental mit der Saison abgeschlossen. Am 17. Oktober aber erhielt ich ein Mail von Urban Mäder, dass für den 20. alles organisiert sei und ich doch bitte einen Strafregisterauszug und eine Kopie der ID mitnehmen solle. Nun musste ich mental wieder umschalten, dass ich die Prüfung vielleicht doch noch machen könnte. Nur, meine ID war im August abgelaufen und einen Strafregisterauszug bekommt man nur mit einem gültigen Ausweis… Ich teilte dies Urban mit und am 19. Oktober folgte die Ernüchterung: Es sähe schlecht aus und der Zuständige des BAZL sei nicht erreichbar. Somit sei die Prüfung wohl im Eimer. Ich schrieb Urban, dass es doch möglich sein sollte, die Dokumente nachzuliefern. Eine Stunde später folgte die erlösende Antwort: Wir hätten Glück, er habe dafür das OK bekommen.

Der 20. Oktober 2012

So fand die Prüfung dann doch am Samstag, 20. Oktober statt. Mit Bazzi machte ich meine Vorbereitungsflüge und fühlte mich bereit. Experte Werner Deflorin, den ich von Saanen bereits gut kannte, besprach mit mir und Marc Dürr, der am selben Tag die Prüfung ablegte, den Ablauf des Examens. Nach je zwei Flügen hatten wir beide die Prüfung «im Sack» und waren überglücklich! Ich konnte es kaum glauben, dass ich mein Ziel, am 20. Oktober 2012 die Prüfung zu machen, also nur gerade zwei Tage nach meinem 16. Geburtstag, doch noch erreicht hatte. Es war schlichtweg eine fantastische und sehr intensive Saison 2012! Zum Schluss möchte ich mich bei allen Fluglehrern, insbesondere bei Urban Mäder, ganz herzlich für ihre Einsätze bedanken. Jeder leistete einen grossen Beitrag zu meinem Erfolg. Ebenfallsverdienen die, die mich jeweils am Morgen vom Bahnhof Muri abholten, ein Dankeschön. Und nicht zuletzt danke ich meinem Vater Markus Pitschen, der mir die Ausbildung finanziert hat.

Prüfung

Bericht von Jonas Pitschen